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If you celebrate it, it's art... John Cage malte sich Partituren. Und er spielte sie so, dass den Tönen größtmögliche Freiheit widerfuhr: Ein außergewöhnlicher Künstler Essay. |
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If you celebrate it, it's art...
...if you don't, it isn't“
Ein alter Artikel ist mir wieder in die Hände gefallen, der zwar nicht durch aprilfrische Aktualität hevor sticht, aber noch immer recht informativ ist. Und wer sich für John Cage interessiert, mag ihn vielleicht gern lesen. Denn Cage gilt weiterhin als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Schaffensphasen verbinden sich u.a. Begriffe wie prepared piano, Emanzipation des Geräuschs, Aleatorik, Indeterminismus und Intermedia.
Befreite Klangzeichen
Konzepte künstlerischer Schriftlichkeit VI: John Cage
John Cage, Changes and Disappearences, 1981
(Farbradierungen in Ätztechnik/Kaltnadel)
Obwohl John Cage (1912-92) durch seinen unkonventionellen Umgang mit musikalischen Mitteln Berühmtheit erlangt hat, ist er nicht ausschließlich der Musik zuzuordnen. Vielmehr ist er eine Art «meta-medialer» Künstler, der die Autonomwerdung der Musik konsequent auf dem Weg vorangetrieben hat, den die Bildende Kunst schon längst eingeschlagen hatte. Jahrzehntelang war er Protagonist internationaler künstlerischer Avantgarde. Schönberg, Rauschenberg, Cunningham, Tudor, McLuhan, Nam June Paik, Duchamp u.v.a. sind wichtige Persönlichkeiten, die ihm sehr nahe standen und sich mit seinem Denken eng verwoben haben.
- Einheit und Offenheit -
Seine Begegnung mit den «white writings» des amerikanischen Malers Mark Tobey Anfang der 40ger Jahre wurde eines seiner Schlüsselerlebnisse: Es gab «keine symbolischen Verweise. Was man bei Tobey ... sieht, ist eine Fläche, die keinerlei Bedeutungszentrum hat und sich somit von der meisten Kunst unterscheidet, die wir kennen, sei sie nun östlicher oder westlicher Herkunft ... Es sieht so aus, als ob sie über den Rahmen heraus reicht. Wenn wir nicht von Malerei sprächen, sondern von Musik, so könnte man sagen, es ist ein Werk, das weder Anfang, Mitte oder Ende noch eine zentrale Gewichtung hat.» (Kostelanetz 1989, S. 128). Diese von Mark Tobey veranschaulichte Unendlichkeit, und damit die Einheit aller Dinge, ist auch für die Cage-Kompositionen entscheidend. John Cage bevorzugte unbegrenzte Offenheit, «und zwar besonders für die Dinge, die mir unbekannt sind.» (a. a. 0., S. 192).
Diese Einstellung spiegelt sich stark in seinem Oeuvre - er wollte sämtlichen Ordnungsregeln entkommen: «Wenn man die Regeln abschafft, werden wir feststellen, dass auch so alles perfekt funktioniert.» Ebenso wenig dirigistisch entwarf er seine Malereien, poetischen Texte und Musik. Für seine eher empirische Art des Komponierens befragte er das I Ging. benutzte die Unebenheiten auf Papier und Holz oder sogar Sternkarten: mit verschiedenfarbenen Klarsichtstreifen selektierte er Sterne als Noten, die er je für die linke oder die rechte Hand übertrug (vgl. Metzge 1978). So entstanden Texturen, die musikalisch interpretierbar sind, aber nicht interpretiert werden müssen.
Der Effekt aus diesen «Zufalls»-Verfahrensweisen, die mit einer Ent-Individualisierung auf Seiten des Künstlers einhergeht ist, dass alle Teilhabenden (Komponist, Dirigent,- Musiker, Hörer, Betrachter, Kritiker) eine individuelle ästhetische Erfahrung erzeugen können, die nicht durch vorgegebene Bedeutungszusammenhänge vorgeprägt wird. «Klängen macht es nichts aus ob sie einen Sinn ergeben oder ob sie in die richtige Richtung gehen. Sie müssen nicht geleitet oder irre geleitet werden, um sie selbst zu sein. Sie sind, und das genügt ihnen. Und mir auch, Das Rätsel ist [vielmehr] der Prozess.» (Cage/Charles 1984,184f).
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Töne können einfach bleiben, was sie sind — Kern ihrer eigenen Gestalt. Sie sind freigelassen aus der Metapher, aus der Abbildfunktion, aus der Zwangsläufigkeit. In der Konsequenz verursacht dies ein Ineinanderfließen von Komposition und dem natürlich vorhandenen klanglichen Kontext. «Wenn nun das Werk nicht mehr eine Gestalt ist, die sich von einem Hintergrund erhebt und abhebt, um ihn schließlich ganz aus sich auszuschließen ... wenn es also von einem geschlossenen (geräuschfeindlichen) System zu einem offenen System (das bereit ist, alle Geräusche der Umgebung oder des Hintergrunds in sich aufzunehmen) wird, dann öffnet es sich tatsächlich allen akustischen Interventionen des Publikums, das nun in diesem zum Medium gewordenen Werk eingeschlossen ist. Und genauso öffnet es sich allen ... Instanzen, die das Medium noch nicht erfasst hat — seien diese nun klangvoll oder geräuschvoll.» (Charles 1979, S. 17f).
Entsprechendes gilt für seine Sprach-Werke. Nach gleichem Prinzip komponiert wie seine Musik, haben in ihnen, quasi als ready mades, unvorhersehbare Geräusche/Schallereignisse eine gleichwertige Existenzberechtigung; wie auch zufällige oder zeitlich fixierte Pausen. «Mit Methoden der konkreten Poesie treffen diese Texte dort zusammen;' wo sie zum sprachlichen' Objekt werden, das an sich selbst demonstriert, wovon Sprache, herkömmlich angewandt, nur berichten kann.» (vgl. Cage 1969).
- Rezeptionsgewohnheiten öffnen -
Eine solch Gründliche Vermeidung von Festschreibung, gar Einschreibungen, die charakteristisch für seine vielfältigen Notationen, seine «Partituren für's Auge» sind, trifft nicht unbedingt auf breite Akzeptanz: So löste Cage mit seiner Welt der Klänge auch Irritationen aus: «Die ihr einzig adäquate Hörhaltung, das sensitive Reagieren auf die einzelnen akustischen Momente und das freie, spontane Assoziieren können von einem Publikum, das an Musik, d.h. an logisch miteinander verknüpfte und in ein stimmiges System gebrachte Strukturen, an Wiederholungseffekte und musikalische oder emotionale Folgerichtigkeit gewöhnt ist und nun Musik zu 'verstehen' (lesen), entziffern versucht, nicht erbracht werden. Die Rezeption der krankt daran, dass ein wie auch immer gearteter Sinn hinein- und dass sie in Hörklischees zurecht gehört werden, um so mehr, je weiter sie sich vom Herkömmlichen entfernt.». (Fürst Heidtmann 1979, S. 243f).
Damit ist auf ein gesellschaftliches Problem hingewiesen, mit dem die Kunst der Moderne sich generell konfrontiert sieht, nämlich die Geschichtsgebundenheit eines Rezipienten, der zwar glaubt ein Werk zu verstehen, tatsächlich aber nur den Gehalt eigener Muster (mimetisch) aktiviert, bzw. auf das Dargebotene projiziert. Nur die Vielfalt und Differenziertheit eigener Deutungsschemata, an sublimierte Bewusstseinsinhalte gekoppelt, führt zur der kreativen Fähigkeit Unbekanntes neu zu strukturieren. Der Mangel an kreativem Hören/Sehen entlarvt, dass die Erwartungshaltung nicht bedient wurde. Werden Werke nur mit voyeuristischer Konsumorientierung taxiert, entsteht das Gefühl der Ungenießbarkeit.
Die Schwierigkeiten der Rezipienten mit seinen Kompositionen kannte Cage genau: «Das hat mit dem Öffnen unseres Bewusstseins zu tun, weil unser Begriff von Schönheit sich mit dem deckt, was wir akzeptieren ... Obwohl ich mit meinen Kompositionen den Interpreten alle Freiheit lasse, treffe ich hin und wieder einen, der sagt, dass er dirigiert werden will. Ich habe ein Stück geschrieben, das die freie als auch die exakte Interpretation zulässt: Das heißt 'Etcetera' (1973) und es wird dirigiert. Die Musiker können entweder unter Anleitung des Dirigenten oder für sich alleine spielen» (Kostelanetz 1989. S. 75). Seine künstlerischen Absichten gelten in jedem Fall dem Frei-Sein von Bestimmungen, von normativen Zuweisungen, von Besitz ergreifendem Willen, von Macht. «Es besteht für uns alle die unbedingte Notwendigkeit, mit unserem Ego zu brechen« sagte Cage. Sein Werk verweist auf die alle Künste in ähnlicher Weise betreffende «Bewegung an den Grenzen, hier zwischen den Künsten, mit dem Ziel der Aufhebung alles Trennenden: zwischen dieser und jener Kunst, zwischen Kunst und Leben, zwischen Mensch und Mensch.» (vgl. Cage/Charles 1984).
Literatur:
John Cage: Silence. Vortrag über nichts. Vortrag über etwas; 45 für einen Sprecher. Neuwied/Berlin 1969.
Für die Vögel. John Gage im Gespräch finit Daniel Charles. Berlin 1984.
Charles, Daniel: John Cage oder die Musik ist los. Berlin 1979.
Fürst-Heidtmann; Monika: Das präparierte Klavier des John Cage, Kölner Beiträge zur Musikforschung. Regensburg, 1979.
Kostelanetz. Richard. John Cage im Gespräch. Köln 1989.
Metzger, Heinz-Klaus. John Cage oder die freigelassene Musik. In: Musik-Konzepte. Sonderband John Cage. München 1978.
Autor: Lina Schneider, M.A.  Erschienen in: Kunst und Unterricht. Heft 181/1994  Ernst Klett Verlag, Stuttgart
John Cage: Bildlexikon
John Cage: North West School
John Cage: Biografie
John Cage: An Autobiographical Statement
John Cage: Noten
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